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Krishna entzaubert

Dies ist eine rationale Betrachtung des Lebens von Krishna, frei von Mythen und Erzählungen. Es ist die Biographie eines großen Yogis. Ehren wir diesen großen Weisen in edlen Gewändern nicht, weil er als Gott auf die Erde herabstieg, sondern weil er ein Mann war, der sich auf die Ebene eines Gottes entwickelte.
Für Ihnen unbekannte Begriffe nutzen Sie bitte das Lexikon, bei Bedarf habe ich den Suchbegriff in Klammer vermerkt.

Von Kindesbeinen an war Krishnas Leben ein Kampf gegen das Schicksal. Ein höheres Wesen, das in menschlichem Gewand auf die Erde hinabsteigt, muss, gleich einem Serienhelden, jeden Moment seines Lebens kämpfen, um sein Ziel zu erreichen. Er kann kein gewöhnliches Leben führen. Jedes Ereignis seines Lebens ist eine Episode. Er muss stets der Gewinner sein. Er ist dazu bestimmt, nur schlechte Karten zu haben und dennoch über andere zu triumphieren.

Alle übernatürlichen Kräfte eines Gottes bleiben in der Götterwelt zurück, in seinem gemütlichen Zuhause. Er betritt die Weltarena. Zuhause hat er den Doktorgrad inne, hier muss er im Kindergarten das ABC lernen. Er muss sich in Kontemplation üben und das Selbst erkennen. Um Siddhis zu erlangen muss er sich unter der Aufsicht eines Gurus in strengen Praktiken üben. Er muss härter arbeiten als andere, er muss mehr kämpfen als andere und beweisen, dass jeder Mensch im Leben die höchsten Höhen erreichen kann, wenn er sie nur will. Nichts ist unmöglich, für den, der sich aufrichtig bemüht. So wurde er von Gopala (Kuhhirte) Gopala zu Vasudeva, dem König von Dwaraka.

Der König von Dwaraka hatte acht Frauen (Ashtabharya), doch keine Freude. Jede Heirat war politisch getrieben. Schließlich musste er die kleine Gemeinschaft der Yadavas vor starken Feinden schützen. Der einfachste Weg war, die Heirat ihrer Töchter. So wurde er ein enger Freund der Pandavas, seiner Cousins aus der Kuru Dynastie.

Zu keiner Zeit verlor er den Gleichmut. Er hatte seinen Geist im Griff. Jedoch wussten nicht einmal seine Frauen und seine engsten Freunde über seine Herrlichkeit. Er war ein Weiser, versteckt in königlicher Robe. Krishna war kein Weiser durch Geburt. Das Drama des Lebens meißelte ihn zu einem Idol aus Stein.

Krishna? Sein Leben ein Drama? Ein Gott, verloren in den Stürmen der Welt? Ja!

Schon vor seiner Geburt wurde er von seinem Onkel zum Tode verurteilt. Nach seiner Geburt, obwohl von königlichem Geblüt, wuchs er unter Kuhhirten in Gokul auf. Anstatt die Waffenkunst und die Wissenschaften zu erlernen hütete und molk er Kühe.

Ohne Zweifel war seine Jugend fröhlich und abenteuerlich – das Spiel in den Feldern, das Grasen der Kühe in den Wäldern. Doch so wurden seine kostbaren Jugendjahre mit Routinen vergeudet.

Seine Verbindung zu den Dorfbewohnern und deren Leben wurde jäh unterbrochen, als er nach Mathura gebracht und den Einwohnern als Prinz vorgestellt wurde.

Sein Onkel, Kamsa, war in dem Moment, als er Krishna erblickte, in Gedanken zusammengebrochen. Er hatte Vertrauen in die Astrologie und erwartete seinen Tod von dem Moment an, als Krishna geboren wurde. Die Angst hatte ihn fast wahnsinnig gemacht. Seine eigene Schwester und seinen Schwager hatte er deswegen eingesperrt, hatte versucht, Krishna zu töten. Die Dorfbewohner jedoch hatten das Gerücht verbreitet, dass dieser kleine dunkle Junge ein als Mensch auf Erden erschienener Gott sei. Die Mörder, die Kamsa geschickt hatte, waren diesen Gerüchten erlegen und beim Anblick des kleinen Jungen geflohen. Sie wurden von Krishna und seiner Jungenbande im Wald angegriffen und traten in die von ihnen aufgestellten Fallen. Sie wurden von Gott getötet, so verbreitete sich die Geschichte. Und Gott tötet keine gewöhnlichen Soldaten, also wurden sie zu Dämonen gemacht, wie Krishna selbst prahlte.

Nanda, sein Vater, war der Leiter der Sippe und Krishna war ein kluges Kind. So hinterfragte niemand sein Tun, seinen Worten wurde geglaubt. Yashoda, seine Mutter, sah das Universum in ihm, als sie in seinen Mund schaute (Sein Leben > Der Butterdieb).

Er wettete mit seinen Freunden, wer die Luft am längsten anhalten könne. Er wurde puterrot dabei. Seine Mutter geriet in Panik, er würde ersticken. Sie wurde ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kam stand Krishna munter vor ihr. Sie nannte ihn ein Wunderkind und ließ keine Gelegenheit aus, dies hervorzuheben.

So verbreitete sich in Mathura die Geschichte, Krishna hätte das gesamte Universum in sich. Welche Welt kann eine ungebildete Mutter im Mund ihres Kindes sehen? Wusste sie über die drei Welten (Triloka)? Kannte sie Allgestalt? Die Mutter eines Avatars muss nicht zwangsläufig ein göttliches Wesen oder ein Mensch mit Erkenntnis sein. Sie war einfach die Frau eines Kuhhirten, in ihr floss kein königliches Blut wie in Krishna. Warum sollte ein spielerisches Ereignis im Leben eines Kindes zu einem Wunder hochstilisiert werden? Dank sei den Poeten. Was immer im Leben eines Avatars sich zuträgt ist süß und wundersam.

Krishna hatte den Intellekt der Dorfbewohner verstanden. Er ersann Geschichten von Dämonen und seinen Wundertaten. So blieben sie den Wäldern fern und er war mit seinen Freunden, vor allem mit seiner Freundin Radha, ungestört.

Doch seine Güte endete als er Mathura betrat. Wunderte sich niemand, dass die Dämonen in Gokul blieben und nie mehr erschienen, als er es verlassen hatte? Es hatte nie Dämonen gegeben, Kamsa war kein solcher und Krishna war ein normaler Yadava Prinz. Wie sollte er der Bezwinger der Dämonen sein? Sie gab es nur in der Phantasie der Kuhhirten. Die Bewohner von Mathura waren nicht so gutgläubig wie die Familien in Gokul. Sein faules, verspieltes Leben musste er zurücklassen.

Im Alter von acht Jahren brachten seine Eltern ihn in die Einsiedelei des Weisen Sandipani. Dort sollte er lernen. Er war nicht gekleidet wie die Städter, hatte keine Manieren gelernt, sprach nicht die gehobene Sprache der oberen Gesellschaft. Er war für sein Alter weit zurück, die anderen Schüler respektieren ihn der Form halber, weil er ein Prinz war. Doch wusste Krishna, dass sie in ihren Zimmern gering über ihn sprachen, nannten ihn einen Kuhhirten, einen Dungsammler. Gopala, Kuhhirte, den Namen wurde er sein Leben lang nicht los. Es war das Wort, mit dem ihm die Verachtung gezeigt wurde. Irgendwann hatte er sich daran gewöhnte, reagierte nicht darauf, es war ihm egal.

Hier nun in Sandipanis Einsiedelei geriet er in eine grausame egoistische Welt. Er vermisste die Kuhhirten, seine Adoptiveltern und, vor allem, Radha. Wie gern hätte er, dass sie käme und die Jungen bestraft, die ihn so schikanierten. Immer wieder wachte er des Nachts auf, rief ihren Namen, rief sie zu Hilfe. Doch sie kam nie.

Nach Gokul ließ man ihn nicht zurück. Befürchteten die Altern doch, er würde wieder in die alten Muster zurückfallen, spielen und Schule schwänzen. Er sprach zu seinem Bruder über seine Einsamkeit. Doch Balarama war zu stark und mächtig, um sich um diese kleinen Dinge zu kümmern. Er war ein Held in der Schule, mit seinem muskulösen Körper und seiner starken Persönlichkeit. Er hatte seine Bewunderer. Krishna weinte oft in einer uneinsehbaren, dunklen Ecke der Einsiedelei. Irgendwann freundete er sich mit Sudama, einem armen Brahmanen-Jungen an. Sudama verstand seine Situation. Die beiden waren froh, sich gegenseitig zu haben. Gemeinsam waren sie stark gegen die königlichen Kinder. Sudama lehrte Krishna alles, was gelernt werden musste, um zu seinen Mitschülern aufzuschließen, bald war er allen Schülern seiner Klasse voraus. Er war der von allen bewunderte Schüler des Weisen geworden. Sandipani betraute ihn mit der Pflege der Tiere, sein gutes Herz machte ihn zum Freund vieler Weiser. Krishna studierte alles, was des Studiums würdig war. Krishna war bald die Personifikation des Wissens.

Die Erkenntnis des Selbstes ist das Ziel eines jeden Wesens dieser Welt. Krishna war da keine Ausnahme. Er meditierte auf das Selbst wie jeder andere. Unter der Führung Sandipanis erreichte er den Zustand der Selbst-Erkenntnis.
Er suchte die Gemeinschaft von Weisen und beherrschte yogische Kräfte.
Er studierte die Veden und verstand deren Bedeutung.
Er saß mit Vyasa zusammen und half ihm, die Veden zu ordnen.
Er beherrschte alle Künste und erhielt von der Gemeinschaft der Weisen den Titel Bhagavan.
Er kleidete sich derart geschmackvoll, dass er das Vorbild der Jugend wurde.
Er kämpfte mit ausgeklügelten Strategien gegen die Feinde und besiegte sie.
Er befreite 16.000 Frauen aus der Gefangenschaft des Dämons Naraka.
Seine Freundschaft mit den Pandavas stärkte seine Position als König einer Minderheit. So war es von Vorteil, acht Prinzessinnen zu heiraten, um mit diesen Königen verbunden zu sein.
Dennoch war er im Inneren ein Entsagter. Er bediente sich der Kraft der Illusion und Hypnose, um seine Frauen zu erfreuen. Keiner, außer Vyasa, kannte dieses Geheimnis. Er war es, der ihm half, Nachwuchs zu bekommen, ohne mit seinen Frauen zusammen zu sein.
Man vergesse all die bunte Vielfalt der mit ihm verbundenen Mythen. Man betrachte alles rational. Man konstruiere eine Geschichte in Einklang mit seiner Persönlichkeit.

Krishnas Leben nimmt einen kleinen Teil des Bhagavatams ein. Krishna ist nur einer der Avatare Vishnus. Das Bhagavatam ist ein gewaltiger Abhandlung, alle Herabkünfte Vishnus abdeckend, angereichert mit philosophischen Diskursen und Schöpfungstheorien.

Was wir heute als Ereignisse im Leben Krishnas betrachten, sind meist Phantasien seiner Verehrer. Obwohl für den sich auf dem Weg zu Bhakti Befindlichen diese Werke bei der Kontemplation hilfreich sein können, entsprechen sie nicht den Tatsachen von Krishnas Leben.

Krishna als romantischen Liebhaber darzustellen inspirierte Künstler und Poeten und steigerte ihre eigene Popularität. Blau getönte Mädchen in bunten Gewändern, geschmückt mit Pfauenfedern, begannen, bei Tanzaufführungen die Rolle von Krishna zu spielen.

Krishna war einem weiblichen Mann gleich, geboren, um mit Mädchen zu tanzen. Die Flöte, die er nach Gokul nie mehr spielte, wurde eine nicht mehr wegzudenkende Dekoration seiner Hände. Tanzende weibliche, zarte Krishnas wurden zum Symbol für ihn.

Das Bild des blauen, weiblich anmutenden Krishnas, geschmückt mit Pfauenfeder und einer goldenen Krone, eine an die Lippen gehaltene Flöte in Händen , hübsche junge Mädchen, gekleidet in farbenfrohe Gewänder, um ihn herum im Kreis tanzend, ist ein buntes Bild, geschaffen für ein Kalenderblatt und eine Tanzaufführung. Aber ist es auch nur im Entferntesten realistisch? War er solch eine weibliche Persönlichkeit, dass sich heute Tänzerinnen als Krishna kleiden und damit seine wahre Persönlichkeit entwerten?

Das Mahabharata
Ein Krieg fand statt an einem Kurukshetra genannten Ort. Der genannte Kriegsschauplatz, das Feld der Kurus, stimmt nicht mit dem heutigen Kurukshetra überein. Dies können wir vernachlässigen und dem ewigen Wandel der Dinge zuschreiben, geht es uns doch nicht um den Beweis des Krieges, sondern um Krishnas Leben.

Im Mahabharata wird Krishna als Wagenlenker Arjunas beschrieben. Wir kennen das Bild des blauen, gelbgewandeten, lächelnden Krishnas, die Pfauenfeder auf dem Haupt, im goldenen Wagen auf dem riesigen Schlachtfeld. Ist dies passend für einen Wagenlenker, der sich in einem furchterregenden Krieg den Waffen unzähligen Krieger gegenübersieht?

Als er ein Kind in Gokul war, schmückte ihn Radha mit Waldblumen und Federn, die im Wald um Vrindavan wuchsen, nicht mit auch nur einer einzigen Pfauenfeder. Als Krishna nach Mathura kam, um die Rolle eines Yadava Prinzen zu übernehmen, musste er all diesen Schmuck aus der Kindheit hinter sich lassen. Er wurde bereits von anderen Königen wegen seiner Kuhhirten-Vergangenheit verachtet. Hätte er eine Pfauenfeder auf dem Haupt getragen und die Flöte gespielt, hätte er sich der Lächerlichkeit preisgegeben.

Auf dem Schlachtfeld sehen wir Krishna die Zügel von fünf Pferden in der einen, die Peitsche in der anderen Hand haltend, den schweren Wagen Arjunas lenkend. Welch eine physische Kraft ist dafür nötig? Sie erlangt man nicht durch das Spielen der Flöte. Krishna muss äußerst stark und muskulös gewesen sein. Und warum trägt er keinen Helm, sondern eine Pfauenfeder auf dem Kopf?

Wie mag er ausgesehen haben? In seiner Kindheit mit Butter gefüttert, verwöhnt von Mutter Yashoda, muss er übergewichtig gewesen sein. Bei regelmäßiger Bewegung hätte er seinen Körper vielleicht in perfekter Form gehalten. Er war im gleichen Alter wie Arjuna, könnte sich mit dem Freund im Ringkampf gemessen haben. Schließlich war er der Bruder des starken Balaramas. Eine breite Brust, muskulöse Arme, die Augen eines Yogis, majestätischer Gang – der perfekter Mann war er. Wie sollte man ihn sich weiblich vorstellen? Wie konnte er in Gokul mit hübschen Mädchen tanzen? Er war gerade mal acht Jahre alt, als er Gokul verließ. Die Gopis waren allesamt ältere verheiratete Frauen. Ihre Kinder müssen seine Freunde gewesen sein. Wie konnte dieses Kind eine romantische Verbindung zu diesen älteren Frauen haben? Was konnte er über Sex wissen? War er geistesgestört? Ein Psychopath? Nein! Er war nur ein Kind. Allerdings ein kluges, intelligentes Kind.

Die Yadavas – Kuhhirten
Sie lebten vom Verkauf von Milch und Milchprodukten. Sie waren ungebildet. Ihr Leben drehte sich um Kühe, um Hüten, Mähen, Melken, Buttern. Die Jungen hüteten die Kühe, die Mädchen halfen beim Buttern. Mädchen wurden, der Geschichtsschreibung Indiens zufolge,  manchmal schon im alter von acht Jahren verheiratet und unterstützten als Schwiegertochter den Haushalt der Familie des Gatten.

Und wie verbrachten die Jungen ihre Zeit? Sie spielten, kletterten auf Bäume und sammelten Federn und Blüten in den Wäldern. Vielleicht schmückten sie sich damit. Vielleicht kamen Krishna und seine Freunde auf die Idee durch die Anwesenheit des einzigen Mädchens, Radha. Sie wird ihnen gezeigt haben wie man Girlanden bindet. Sie wird ihren Liebsten, Krishna, mit bunten Federn geschmückt haben. Verstoßen von ihrem Ehemann war sie die Einzige, die Zeit hatte, mit den Jungen zu spielen. Sie muss die Anführerin der Gruppe gewesen sein, dreimal so alt wie die Jungen. Krishna war das Kind, das sie bewunderte, weil sie anders war, als der Rest der Mädchen.

Nanda und Yashoda
Obwohl glorifiziert als die Eltern Gottes, kann man die Tatsache nicht leugnen, Nanda und Yashoda waren Kuhhirten. Leichtgläubig, jedem Astrologen und jedem in die Safran-Robe, das Gewand der Weisen, gehüllten Vagabunden vertrauend, der in ihr Dorf kam.

Krishna war nicht von Geburt Kuhhirte, er gehörte zu einer königlichen Familie, muss im Erscheinen deutlich verschieden von den Kuhhirten gewesen sein. Krishna war der adoptierte Sohn von Nanda, dem Oberhaupt, er mag diese Tatsache für seine eigenen Vorteile genutzt haben. Seine Streiche wurden von den Dorfbewohnern toleriert, weil er Nandas Sohn war, nicht weil er Gott war.

Was ist ein Gott?
Philosophen zerbrechen sich noch heute den Kopf über diesen sogenannten Gott, der unsichtbar unsere kleine Welt regiert.  Für den einfachen Menschen ist selbst ein Baum aus dem weißes Gel tropft Gott. Alles jenseits des Verstandes ist Gott.

Wenn das Wort Gott auch im 21. Jahrhundert jedem Menschen, den wir verehren, anhaftet, warum sollten diese ungebildeten Kuhhirten den Sohn des Sippenführers nicht Gott nennen und an die von ihm verbreiteten Dämonengeschichten glauben? Alle Mythen, dass er ein Gott sei, können nur Gerüchte gewesen sein, die vom analphabetischen Kuhhirtenclan verbreitet wurden, um den Tyrannenkönig, Kamsa, von Mathura fernzuhalten. Doch Krishna entwickelte sich durch harte Arbeit und aufrichtige Bemühungen tatsächlich zu einem Gott. Seine Weisheit und sein Verhalten brachten ihm Beifall von allen ein.

Ehren wir ihn für das, was er wirklich war, der perfekte Mann. Nicht weil er in unserer Vorstellung eine Flöte in der Hand und eine Pfauenfeder im Haar trug.

Ehre sei dem Vollkommenen, Krishna.
Ehre sei Narayana, der die Rolle Krishnas auf Erden in Vollkommenheit spielte.
Ehre sei dem Verwirklichten, Krishna.
Ehre sei Krishna, der das Selbst erkannt hat.
Ehre sei meinem Selbst, das nicht verschieden von Krishna ist.

Gokul
Gokul war das Dorf der Kühe und Kuhhirten. Sie züchteten Kühe und bestellten die Felder. Es waren einfache Leute, ohne Bildung und ohne die Möglichkeit, Weisheit zu erlangen. Ihr Leben drehte sich allein um Kühe. Sie waren zufrieden, erstrebten nichts. Sie besaßen Land, hatten genug zu essen, ihre Kühe waren ihr Vermögen. Von der Zivilisation hielten sie sich fern, sie wollten nichts mit diesen seltsamen Menschen zu tun haben, die in palastähnlichen Gebäuden wohnten. Die Stadt am anderen Ufer der Yamuna mit Milch zu versorgen war ihre Aufgabe, mehr wollten sie über die Menschen dort drüben nicht wissen. Sie fürchteten die Gebildeten.

Wenn allerdings zufällig ein Weiser ins Dorf kam, dann begrüßten sie ihn mit Milch und Butter.

Eine leichte Beute waren sie für Betrüger, die mit Magie und Vorhersagen ihnen ihre Goldmünzen und Edelsteine aus der Tasche zogen. Einer hatte ihnen den Floh ins Ohr gesetzt, in ihrer Mitte würde demnächst Gott erscheinen. Und wahrlich, ein Gott erschien, jedoch nicht vom Himmel, sondern aus der nächsten Ortschaft, aus Mathura, kommend.

Kamsa
In der Familie König Ugrasenas gab es unverhofft familiäre Streitigkeiten. Ahuka hatte zwei Söhne, Ugrasena und Devaka. Ugrasena hatte einen Sohn, Kamsa, Devaka hatte eine Tochter, Devaki. Kamsa mochte Devaki, er sah sie als seine Schwester und feierte die Hochzeit mit Vasudeva im großen Stil. Vasudeva war der Sohn Surasenas, seine Schwester Kunti heiratete Pandu. Als ein Familienstreit eskalierte, nahm Kamsa den alten König fest.

Kamsa war ein geborener Feigling und anfällig für unbekannte imaginäre Ängste. Seine eigene Unsicherheit hatte ihn dazu veranlasst, bei Astrologen und Wahrsagern Hilfe zu suchen. Er glaubte an Vorhersagen und war eine Beute für diese Klientel, die seine Zukunft vorhersagen konnte. Jeder Rat wurde ohne Frage akzeptiert. Der alte König und sein Schwiegersohn Vasudeva erkannten die Betrüger, die als Wahrsager auftraten, nur um die königliche Schatzkammer zu leeren. Die Gemeinschaft der Astrologen drehte vor Wut durch. Als ersten Schritt erwogen sie Mittel und Wege, den Prinzen unter ihre Kontrolle zu bringen, den König und seinen Schwiegersohn loszuwerden. Sie teilten dem Prinzen bald mit, dass sein Leben in Gefahr sei und die Bedrohung von den Kindern seiner Schwester ausging. Der alte König, der die leichtgläubige Natur seines Sohnes kannte, argumentierte gegen solche törichten Vorhersagen; wurde aber bald zum Schweigen gebracht, indem er in seiner eigenen Kammer eingesperrt wurde. Es war ein Glück des Königs, dass ihm nicht sofort der Kopf abgeschnitten wurde.

Ein Albtraum
Der Prinz war von Natur aus paranoid und verdächtigte jeden, sich gegen ihn zu verschwören. Er hörte nie auf die weisen Worte seines Schwagers Vasudeva und verdächtigte ihn sogar als Verschwörer gegen sein Leben. Einige weise Astrologen hegten einen persönlichen Groll gegen Vasudeva, da er sich immer in ihre Angelegenheiten einmischte. Vasudeva hatte sich für Astrologen und Gauner immer als zu weise erwiesen. Um ihn zu rächen, hatte er Kamsa gesagt, dass sein Schwager von Natur aus dämonisch sei und dämonische Kinder zeugen würde, die der Familie zum Fluch würden; besonders die Acht war seine Unglückszahl, und so würde das achte Kind der fleischgewordene Tod für den Prinzen sein. Der dumme Prinz verlor keine Zeit, sich seine Schwester und seinen Schwager zu unterwerfen. Er tötete jedes Kind rücksichtslos, sobald es geboren war. Ein kleines Korn in einer kleinen Schale Milch, das Kind würde ersticken. Die Hebamme, die alle Geburten der Kinder seiner Schwester überwachte, kannte viele solcher Tricks und machte die Säuglinge leblos, noch bevor die Mutter nach der Geburt die Augen öffnete. Trotzdem redeten die Leute anders. Sie sagten, dass er die Babys wie Kokosnüsse auf dem Boden zerschmetterte. Sadismus fesselt immer die Köpfe des Kollektivs. Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Eigentlich hätte er die anderen Kinder am Leben lassen können, aber er wollte nie ein Risiko eingehen. Er hatte Albträume gehabt, wenn ein Kind auf die Welt kam. Er war anfällig für Halluzinationen. Überall sah er den Tod. Er hatte Angst vor jedem Kind, das seinen Weg kreuzte. Er hatte sogar geträumt, das siebte Kind sei aus der Wiege geflogen, und er hatte von diesem Kind ein blutrünstiges Lachen gehört; es hatte gedroht, ihn zu töten. Er war mit einem Ruck aufgewacht. Sein ganzer Körper war in Schweiß gebadet. Obwohl die Hebamme verkündete, das Kind sei gestorben, hatte er keine Ruhe. Tatsächlich war die Hebamme von Vasudeva mit vielen Gold- und Silbermünzen bestochen worden. Sie hatte ihm geholfen, das Kind zu seinem Freund Nanda, dem Dorfvorsteher von Gokul, zu bringen.

Vasudeva
Kamsa hatte unterdessen renommierte Astrologen eingeladen, um sich über seine Zukunft und die Bedeutung seines Traums zu beraten. Die Astrologen verloren keine Zeit, ihn davon zu überzeugen, dass er Maya, die große Göttin, gesehen hatte und das achte Kind sein Fluch war. Sie wurden mit Gold entlohnt. Ein einfältiger Geist war ihre Einnahmequelle. Was wäre, wenn auch das siebte Kind gestorben wäre? Sie hätten sicherlich neue Bedrohungen erfunden und neue Vorhersagen gemacht. Wie könnten sie sonst leben? Die weisen Minister seines Palastes schwiegen aus Angst um ihr Leben. Bald würde das achte Kind zur Welt kommen. Die Wachen waren in diesen Tagen außergewöhnlich wachsam. Vasudeva war besorgt. Er würde keinen weiteren Kindsmord zulassen. Die Wachen von Matura wurden in Schach gehalten. Nanda tat nichts, um diese Gerüchte zu stoppen, denn es half ihm, das Kind vor den Wachen zu schützen, die nach dem verlorenen achten Kind suchten. Das Kind wuchs inzwischen nicht als Gott auf, sondern als verwöhnter Knabe. Dennoch war er weise. Er baute immer neue Arten von Musikinstrumenten und konnte sie bezaubernd spielen. Er war gut darin, Spielzeug verschiedener Art zu erfinden. Durch Licht- und Schatteneffekte konnte er verschiedene Figuren erzeugen. Normalerweise erschreckte er jeden Jungen mit dämonenförmigen Figuren, die aus geschnittenen Holzstücken projiziert wurden. In vorher arrangierten Waldgebieten erlaubte er den wilden Tieren zu heulen und benutzte große trompetenähnliche Dinge, um die Geräusche zu verstärken. Wenn andere aus Angst ferngehalten wurden, betrat er diese wilden Orte, um bei einer Licht- und Schattenshow von Dämonenkämpfen siegreich hervorzugehen.

Radha
Bei all diesen Unternehmungen war Radha sein Gegenstück. Radha versteckte sich an vorher vereinbarten Plätzen und bediente die Geräte, wie es ihr kleiner Freund befohlen hatte. Sie war ungefähr zwanzig Jahre alt. Ihr Mann hatte sie für ein anderes reiches Mädchen aus Mathura verlassen. Radha hatte nichts dagegen. Sie war froh, frei von familiären Verpflichtungen zu sein. Sie war ein echter Wildfang und würde ihre Zeit immer mit diesem kleinen Jungen verbringen. Beide täuschten die leichtgläubigen Dorfbewohner durch viele eingebildete Dämonengeschichten, so dass sie unter Albträumen litten. Ihre Streiche hatten kein Ende. Süßigkeiten und Kekse aus jedem Haushalt ohne Erlaubnis zu stehlen, war eine Herausforderung, die sie annahmen, um sich zu beweisen. Gemeinsam hielten sie die Geschichten aufrecht, dass Krishna ein Gott war. Einmal hatte er die Dorfbewohner bei heftigen Regenfall und schwerem Sturm zu einem tiefen Tunnel unter einem riesigen Berg geführt und prahle danach damit, den Berg angehoben zu haben. (Sein Leben > Der Berg Govardhan).  Die Dorfbewohner hinterfragten nichts. Schließlich war er ein Gott, nichts war für ihn unmöglich. Er hat es immer gemocht, Leute zu täuschen, wenn sie bereit waren, sich täuschen zu lassen. Das Leben hat Spaß gemacht. Es machte mehr Spaß, ein Gott zu sein und andere zu täuschen. Er verehrte seine Freundin Radha. Er hatte ihr versprochen, sie eines Tages zu heiraten und zur Göttin zu machen. Sie hatte es nur als Scherz gesehen und gelacht.

Krishna ist weg
Das Leben ändert sich. Bald fiel ein Schatten auf sein fröhliches Dasein. Krishna musste zurück nach Mathura, das Schicksal nahm seinen Lauf. Nanda war nicht sein Vater, er gehörte zu einer königlichen Familie. Der alte König musste wieder eingesetzt werden. Krishna war das zuwider, er plante, mit Radha zu flüchten, sie beruhigte ihn, schenkte ihm eine neue, von ihr kunstvoll geschnitzte Flöte.

Radha
Sie hatte ihn Kanha genannt. Sie begründete es damit, dass sie den Namen Krishna nicht mochte, er klang zu weit weg. Aber Kanha war Krishna und er musste weit weg. Ein Wagen holte ihren kleinen Gott ab, für Radha brach eine Welt zusammen. Sie weinte nicht, sie lachte danach nie mehr, ihr Leben war erloschen. Die Zeit blieb für sie stehen. Sie streifte antriebslos durch die Gegend, in der sie einst spielten. Sie schnitzte weiterhin Flöten und warf sie, wenn sie fertig waren, in den Fluss. Eines Tages warf sie sich selbst in den Fluss. Die Flöte schwieg.

Der größte aller Männer
Krishna und Balarama, die beiden göttlichen, mit immensen Kräften ausgestatteten, Brüder, so sagten es die Leute, töteten den Tyrannen Kamsa. Als der alte König wieder den Thron bestieg war Krishna gezwungen, seinen Lebenswandel zu überdenken. Er begann zu studieren und erreichte schnell alles, was es zu erreichen gab. Zurück zu den Kuhhirten zu gehen schloss sich damit aus. Während seiner Studienzeit freundete er sich mit dem armen Sohn eines Brahmanen, Sudhama, an. Später, als Sudhama in Not geriet und Krishna der König von Dwaraka war, überhäufte er ihn mit Wohlstand und kümmerte sich um ihn. Anstatt die Menschen zum Narren zu halten, hatte er beschlossen, wie ein Gott zu handeln.

Er beschloss, alles zu lernen, was es zu lernen gab, eignete sich alles Wissen an. Keine Schrift ließ er aus, keine Philosophie blieb unberücksichtigt, keine Siddhi war unerreicht. Bald erhielt er den Titel Bhagavan, ‚der, der alles gelernt hat‘. Er studierte die Veden zu Füßen Vyasas, assistierte ihm bei der Ordnung derselben. Die Sankhya Philosophie studierte er bei Kapila. Einen Ringer machte sein Bruder Balarama aus ihm. Er beherrschte die Waffen der Menschen und die der Götter. Durch intensive Meditation gelangte er zu höchster Einsicht, wurde frei von Begehren, Zorn, Verblendung. Er konnte Gedanken anderer lesen. Er war nun einem Gott gleich.

Seine Siddhis halfen ihm, Wunder geschehen zu lassen, doch er nutzte seine Kraft nur bei Elenden und Hilflosen. Er befreite zahllose Frauen aus der Gefangenschaft Narakas und nahm sie zu sich nach Dwaraka. Er  erzeugte die Vision eines unendlichen Gewandes, als Draupadi von den Kauravas bloßgestellt wurde. Viele Male projizierte er seine göttliche Erscheinung in Millionen von Formen und beeindruckte die Zuschauer. Er kleidete sich modisch und wandelte sich zu einer charmanten Erscheinung, was ihn die Anerkennung der Intellektuellen einbrachte. Er war freundlich, mitfühlend, mächtig. Wie ein Gott. In seiner Kindheit spielte er Gott zum Spaß, nun war er Gott. Jeder junge Mann wollte wie er sein, jede junge Maid wollte ihn heiraten. Doch er hatte kein Interesse an Frauen, Wohlstand, Wein. In seinem Herzen regierte nur Radha. Zum Wohle der Yadava Dynastie heiratete er acht Prinzessinnen und schmiedete so eine Allianz mit mächtigen Königen. Seinen Frauen gaukelte er die Illusion seiner Anwesenheit vor. Aufgrund seiner königlichen Verpflichtungen fehlte die Zeit, Radha und die Kuhhirten zu besuchen. Als er erkannte, dass er einen sichereren Aufenthaltsort für die Yadavas brauchte, erschuf er eine herrliche Stadt mitten im Ozean und zog mit seinem Volk dorthin.

Sein Dwaraka war ein architektonisches Wunder. Das Wasser des Ozeans wurde zum Wassergraben, der die durch eine mächtige Festung geschützte Stadt umgab. Da Dwaraka eine Hafenstadt war, konnte Krishna Geschäftsbeziehungen mit vielen anderen Ländern jenseits des Ozeans eingehen. Sein Palast war mit außergewöhnlichen Materialien aller Herren Länder erbaut und verziert. Gold und Diamanten füllten die Straßen Dwarakas. Krishnas Ruhm verbreitete sich in der ganzen Welt. Seine charmante Art und seine Weisheit machten ihn überall zu einem gern gesehenen Gast, sei es in einem Palast oder in einer Hütte. Er war der politische Berater der fünf Söhne Pandus und ein enger Freund seines Cousins Arjuna geworden. Beide hatten eine depressive Kindheit und schlossen sich als Freunde zusammen.

Der größte Philosoph
Ein großer Krieg entbrannte zwischen den Cousins der königlichen Familie und Krishna war unbeabsichtigt ein Teil davon geworden. Obwohl er Duryodhana davon abbringen wollte, einen Krieg zu beginnen, wurde er von dem arroganten König beleidigt und entlassen. Stumm beobachtete er die Kriegsvorbereitungen, hilflos, die vom Kosmos verordnete Zerstörungsphase zu verhindern. Arjuna betrübte der Gedanke an die vielen Toten, die der Krieg fordern würde, doch Krishna lehrte ihn die Kunst des selbstloses Handelns und bereitete ihn darauf vor, sich den folgenden Tragödien des Krieges zu stellen. Mit steinernem Herzen beobachtete er den Tod vieler junger Leben, einschließlich das seines lieben Neffen und Schülers Abhimanyu.

Ganz allein in der Welt
Er fand Zeit, für ein paar Tage Radha zu besuchen. Sie erkannte den in königliche Gewänder gehüllten Fremden nicht. Sie lebte noch mit ihrem Kanha und rannte davon, als er sie rief. Enttäuscht und mit gebrochenem Herzen kehrte er nach Dwaraka zurück. Vergessen tat er sie nie, sein ganzes Leben lang. Und nie berührte er eine seiner Frauen.

Ruf der Unendlichkeit

Der Krieg war zu Ende. Tote Körper überall. Das ganze Land weinte. Alle waren der Meinung, Krishna hätte sie retten sollen. Sie verloren ihren Glauben an ihn, der so viel Zerstörung zugelassen hatte. Sie vergaßen ihren Glauben in seine Göttlichkeit.

Sogar seine königlichen Cousins schienen an seiner Integrität zu zweifeln. Sein eigener Clan war der Unmoral verfallen. Krishna war in einer Sackgasse. Er fühlte, dass er in diesem Leben keine Ziele mehr hatte. Seine Arbeit war beendet. Er wollte vor allem davonlaufen. Er ging in die tiefen Wälder und verschwand in der Wildnis. Später brachte ein Jäger die Nachricht, dass er Krishna aus Versehen getötet hätte. Die Pandavas vollzogen die Sterberiten für ihren Cousin. Arjuna weinte bitterlich.

Lakshmi
In Gedanken versunken schritt Krishna durch die Wälder. Für die Menschen, die er zurückgelassen hatte, war er tot. Er seufzte, blickte auf sein Leben zurück. Der Kampf, sich selbst zu übertreffen. Der Kampf, als große Persönlichkeit aufzutreten. Der Kampf des Lebens eines Kuhhirten. Der Kampf, ein Super-Mann, ja, ein Super-Gott zu werden. War es ihm gelungen? Er fragte sich selbst. Er wusste, dass die Antwort ‚nein‘ war. Er hatte alle glauben gemacht, dass er ein Gott sei, aber hatte er sich wirklich gottgleich verhalten? Er schüttelte angewidert den Kopf. Er ging ziellos durch die riesigen sich vor ihm erstreckenden Waldgebiete. Er fragte sich, wohin der Weg führen würde. Er ging weiter. Er hatte kein Gefühl für Nacht oder Tag in dieser dunklen Welt. Er aß alles, was er fand, Blätter oder Gras, es war ihm egal. Wilde Tiere störten ihn nicht. Viele Berge musste er erklimmen, viele Flüsse überqueren auf dem Weg gen Norden. Vielleicht würde er Shiva wirklich treffen. Tage und Monate vergingen. Schließlich fand er sich am Fuße eines überirdischen weißen Berges wieder (Kailash). Die Gärten sahen aus, als wären sie von Göttern gepflegt worden. Von irgendwoher erklang Musik. Eine kühle Brise umarmte ihn wie eine Mutter. Auf einem Fluss lachten und tanzten seine Wellen. Erschöpft ließ er sich nieder, nahm eine Handvoll Wasser und trank es gierig. Eine leichte Schläfrigkeit ließ ihn die Augen schließen, einschlafen, träumen. Zwei zarte Hände berührten ihn, Küsse weckten ihn. Seine lotusgleichen Augen öffneten sich. Seine liebe Gattin Lakshmi lächelte ihn an. Er sah sich nach dem riesigen Wald um – Hastinapura, Dwaraka, Gokul. Da war nichts. Nur das Plätschern des weißen Ozeans begrüßte ihn. Er verstand. Alles war nur ein Traum. Ein Traum, der sich mit einem Augenzwinkern in seinen Lotusaugen ereignete. Er hatte nicht davon geträumt, dass er ein Gott war – als Mensch. Er hatte geträumt, er sei ein Mensch – als Gott. Er lächelte erleichtert. Lakshmi lächelte ebenfalls. Der Traum von einem Gott war vorbei. Nur die Erde träumte noch. Eine Stimme war zu hören. Shuka, der Sohn Vyasas, sprach von der Herabkunft Narayanas auf Erden. Seine Schüler lauschten gespannt.

Om Namo Narayanaya. Om Namo Narayanaya. Hymnen hallten durch Vaikuntha.

Narayanas Herz schmolz im Mitgefühl. Er wusste, ein Traum ist für den Träumenden wirklich. Er beschloss, sie alle aufzuwecken. Lakshmi, seine geliebte Gattin, schaute ihn verständnisvoll an. Die Sonne des Wissens ging auf Erden auf.

 

Aus dem Englischen mit freundlicher Genehmigung von Narayanalakshmi.